Nitrogods in Wuppertal, LCB, 25.05.2013 – oder: Wie man darauf kommt, ein Konzert zu veranstalten

Die Frage tauchte in meinem Kopf auf, als ich mit Stefan nachts um kurz vor 1 Uhr in einer längst vergessenen, eiskalten, gekachelten Diskothek am Rande von Gevelsberg saß. Wir hatten vorgehabt, hier Werbung für unser Konzert zu machen, und waren jetzt in diese unwirkliche Szenerie geraten, die wirkte, als würde hier gleich ein Tarantino-mäßiges Blutbad stattfinden (waren aber gar nicht genug Leute für ein Blutbad da). Oder das kam durch die temporäre Todessehnsucht, wiederum verursacht durch Kälte und ultralautes Speed-Metal-Gekreische. Gekachelt. Sagt eigentlich schon alles.

Die Frage lautete: „Bin ich eigentlich bekloppt?“

Natürlich bin ich bekloppt. Is nix neues. Aber wie kommt man dazu, mit über 40 Konzertveranstalter zu werden?

Im Oktober 2012 hatte mich mein Quasi-Schwager Thorsten zu einem Konzert der Nitrogods mitgenommen, die ich zuvor nur aus einem lustigen Videoclip kannte, indem sich die drei Herren vorstellen. Musik und besagte Herren überzeugten meinen Mann Stefan und mich sofort. Thorsten kannte die drei schon von Gesprächen nach Konzerten in Kassel, so war bei der Ankunft in Mühlhausen gleich für entspanntes Geplauder gesorgt. Nach dem Konzert war ich endgültig von den Live-Qualitäten der drei überzeugt und unterhielt ich mich mit Henny darüber, dass die Nitrogods noch nie in Nordrhein-Westfalen gespielt hatten. Da war mir direkt klar, dass man das ändern müsse. Schon allein, weil WIR die noch mal hören wollten. So versprach ich Henny, in Wuppertal und Umgebung bei einigen Veranstaltern nachzuforschen, ob da etwas ginge.

Ich bin Fan von spießigen Listen und Plänen, also arbeitete ich mich stur durch meine Adressen. Fast alle zeigten sich von der Musik begeistert, aber keiner wollte das Risiko eingehen, eine hier recht unbekannte Band auftreten zu lassen. Direkt aufgeben war jedoch keine Option. Irgendwann fiel das verhängnisvolle Zitat: „Wenn das so weitergeht, mache ich das selbst.“

Einmal gesagt und gedacht erschien mir die Idee plötzlich gar nicht mal so schlecht. Gemeinsam mit meinem Mann Stefan und dessen Bruder Thorsten begannen wir, Pläne zu schmieden, Infos zu sammeln und die Sache durchzurechnen. Lange Rede, kurzer Sinn: Wir entschlossen uns schließlich, selbst eine Halle zu mieten, die Nitrogods anzuheuern und das finanzielle Risiko unter den Beteiligten aufzuteilen. Verrückt? Natürlich. Wir hatten keinerlei Erfahrungen auf diesem Gebiet, aber irgendwann ist immer das erste Mal. Henny und die anderen Jungs waren begeistert und wollten uns, wo es nur geht, unterstützen.

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Die Geschichte, wie lange es dauerte, etwas Geeignetes zu finden, und jemanden, der damit spielt, möchte ich euch ersparen. In Marcus Grebe vom Live Club Barmen fanden wir schließlich einen Partner. Bald stand ein Termin im April, und bereits im Dezember begannen wir aus allen Promotion-Kanonen zu feuern. Flyer wurden entworfen, das Internet wurde mit Ankündigungen überflutet, und ich nervte Tageszeitung, Zeitschriften und Radiosender in allen erdenklichen Formen über Monate. Stefan und ich begannen, an Wochenenden „die Kluft“ anzuwerfen, bestehend aus Nitrogods-Shirt und Lederjacke, und alle möglichen Kneipen und Konzerte zu besuchen. Das war manchmal anstrengend, aber auch oft klasse: Wir lernten neue Leute kennen, sahen Kneipen und Discos von früher wieder, und uns wurde bewusst, wie viel Wuppertal und Umgebung zu bieten hat, was Live-Musik und Kneipen angeht.

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Im April gab es einen Rückschlag: Der Termin am 20. April musste abgesagt werden. Henny, Oimel und Klaus waren untröstlich, aber es ging nicht anders. Nach einer kurzen Frustrationsattacke entschlossen wir uns, trotzdem weiterzumachen, und fix wurde ein neuer Termin ausgemacht. Vielleicht etwas zu fix, aber viele freie Termine gab es nicht mehr. So fiel unsere Wahl auf den 25. Mai 2013. Das an diesem Abend das Champions League-Finale stattfand, merkten wir erst gar nicht. Als feststand, dass Dortmund gegen Bayern spielen sollte, war der Schreck groß und viele Freunde und Bekannten unkten, dass uns das mindestens die Hälfte der Zuschauer kosten würde. Da mussten wir eben noch mehr Werbung machen. Die Stadtzeitung von Wuppertal konnte ich mit Mails und Anrufen weichkochen, schließlich zeigte man Interesse an der rührenden Geschichte „Fans holen Lieblingsband ins Tal“ und interviewte uns sogar.

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Nach Werbung, Hotel buchen, Cateringvorbereitungen usw. usw. war der Tag schließlich gekommen:

Mit einem spießigen, aber effizienten Ablaufplan hakten wir letzte Erledigungen wie Hotelschlüssel und Frikadellen abholen etc. ab. Am Abend zuvor hatte Pim noch ihre sensationellen Thai-Hähnchenflügel auf unserem Balkon frittiert, Stefan und Thorsten hatten Bier und andere Getränke herangeschafft und so schlugen wir fertig gestriegelt in Barmen auf, die Halle lag noch in tiefem Schlaf und musste erst per Handyanruf erweckt und geöffnet werden. Das Personal vom LCB war sehr nett und beruhigend gelassen und professionell. Die Nitrogods und die Jamheads kamen tatsächlich und waren nicht auf der Autobahn hängengeblieben, krank geworden oder von Außerirdischen entführt worden. (Hatte nachts immer viel Zeit zum Denken). Alle Instrumente und Geräte waren vorhanden, der Strom fiel nicht aus, und es kamen sogar Leute!

und schüttelt sich zur Musik

und schüttelt sich zur Musik

An dieser Stelle noch mal Dank an alle, die sich von solchen Nebensächlichkeiten wie einem Champions League Finale zwischen zwei deutschen Mannschaften nicht von wichtigeren Dingen haben abhalten lassen, nämlich dem Rock’n’Roll. Der kleine Saal wurde recht voll, und ich sah Leute wieder, die ich vor Jahren das letzte Mal gesprochen hatte, oder solche, die wir vor kurzem erst kennen gelernt hatten.

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Die Jamheads hatten wir vorher schon mal live gesehen und wussten, dass die ordentlich abliefern. Sie hatten eigene Fans mitgebracht und heizten auch denen, die auf die Nitrogods warteten, richtig ein.

Und dann war es soweit: Henny, Oimel und Klaus betraten die Bühne und starteten unser erstes eigenes, mit Spannung erwartetes Konzert mit „Black Car Driving Man“. Sound und Stimmung waren super, und bald schlich sich ein erleichtertes, dämliches, aber sehr glückliches Lächeln auf mein Gesicht. Wir hatten es geschafft, und den Leuten gefiel es so gut wie uns! Man tanzte, wippte, sang und skandierte „Rock’n’Roll!“, während die Nitros mit Gasoline, License to Play Loud und allen Songs, die sie auf der Pfanne hatten, das Publikum weiter anheizten.

Vorher hatten wir jemanden kennengelernt, für den Henny live in Wuppertal im Haus der Jugend (in dessen Keller das LCB liegt) keine Neuigkeit war. Der hatte ihn schon in den Neunzigern dort gesehen, als er mit Thunderhead tourte. Er hatte sogar das Ticket mit! Und er war nicht der einzige, der „Take It To the Highway“ mitbrüllte. SONY DSC SONY DSCThorsten lieferte verlässlich Bier auf die Bühne, meine Freundin Birgit schüttelte selbstvergessen ihr Haar zur Musik, alle feierten, Leute bedankten sich bei uns für das Konzert (wie auch Henny von der Bühne aus) – der ganze Abend war ein absolutes Highlight, musikalisch und auch sonst.

Möchte mich noch mal bei allen bedanken – den Nitrogods für ihr Vertrauen und ihre Hilfe, Marcus Grebe (dito), dem Personal vom Live Club Barmen, Stefan für unzählige Autofahrten und unablässige Promoideen und –Aktionen, speziell der Erfindung der Flyer-Ampelwerbung und der Premium-Plakate aus Fahrradkartons, Thorsten und Pim für Zuspruch, Ideen, Mithilfe und Hühnchen, Antje und Krusty vom Merch-Stand, Fussel und Minze für Hilfe an der Kasse, Reichskatzenwitze und Ertragen meines Gelabers, den Jamheads für den tollen Auftritt und Eule für die Ermutigungen, der WZ Wuppertal für die Berichterstattung, dem Uwe für seine Tipps mit dem Anmieten von Sälen, dem Claus für seine großzügigen Kartenkauf und allen Kneipen, wo wir Werbung machen dürften, speziell Kay vom Zweistein und seiner Crew.

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Backstage-Siegerposen, Foto von Pim

Und hier die schlechte Nachricht: Ihr müsst das alles noch mal durchmachen!

Chrissy

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